Home > Tagebuch > Die ersten Tage > Südafrika: Die ersten 100 Tage

    Heute leben wir genau 100 Tage in unserer neuen Heimat Südafrika – mehr als drei Monate, die wie im Flug vergangen sind. Zeit für ein erstes Resümee, inklusive der wichtigsten Tops und Flops. So machen das die Medien ja schließlich auch bei Politikern. Wir schließen uns da einfach mal an. Also los.

    Das allgemeine Befinden?

    Kulungile! Wir sind wirklich zufrieden. Südafrika behandelt uns gut, und langsam wächst in uns das Gefühl, angekommen zu sein. Viele Momente fühlen sich schon an wie Alltag. Dann wieder erleben wir verrückte Situationen, in denen wir uns kurz mal kneifen und merken: Wir sind mitten in einer anderen Welt. Kürzlich fiel auf der Missionsstation plötzlich das Wasser aus. Fast eine Woche lang. Kinder, Mitarbeiter und Nonnen mussten eimerweise Wasser vom Brunnen ein paar hundert Meter weiter schleppen, ein paar Männer gruben die Erde um wie die Maulwürfe, um das kaputte Rohr zu finden. Irgendwann ging’s dann irgendwie wieder. Alles ganz normal.

    Tag am Meer

    Tag am Meer

     Das Leben in KwaZulu-Natal?

    Unser Zuhause in Eshowe ist eingerichtet, die Arbeit auf der Missionsstation entwickelt sich gut, Lean hat sich wunderbar in den Kindergarten integriert. Die Menschen, schwarz wie weiß, sind in den meisten Fällen hilfsbereit und freundlich, und wir haben auch schon ein paar Kontakte geknüpft. Die Stadt ist so klein, dass wirklich jeder jeden kennt: Farmer, Pfarrer, Metzger, Rechtsanwalt und inzwischen auch Crazy German. Die Wochenenden verbringen wir in Nationalparks, am Strand oder sonstwo in der atemberaubenden Natur um uns rum. Am Wochenende waren wir mit Lean auf einer Krokodilfarm. Wie ein Tag auf dem Bauernhof in Deutschland.

    croco südafrika

    Krokodilfladen

    Die Sicherheit in Südafrika?

    Wir fühlen uns hier in Eshowe sehr sicher, aber klar: Man muss vorsichtig sein, überall in Südafrika. Hier auf dem Land ist die Situation besser als in Großstädten wie Durban oder Johannesburg, aber man muss trotzdem gewisse Regeln einhalten. Vieles versteht sich von selbst, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht und die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich wahrnimmt. Wertgegenstände nicht im Auto liegen lassen. Nicht mit dem Smartphone auf der Straße herumwedeln. Den Leuten mit Respekt begegnen. Im Dunkeln nicht unterwegs sein. Dinge eben, die man mit gesundem Menschenverstand ganz gut hinbekommt.

    dunkel

    Im Dunkeln besser zu Hause bleiben

    Heimweh?

    Bisher nicht. Klingt komisch, ist aber so. In unserer Vorbereitung haben wir gelernt, dass nach der Honeymoon-Phase in den ersten Monaten die Schwarzbrotphase folgt. Soll heißen: Die erste Euphorie ist verflogen und man spürt an vielen Kleinigkeiten, wie sehr man die Heimat (=Schwarzbrot) vermisst. Erst wenn dieses Tief überwunden ist, soll es angeblich wieder aufwärts gehen. Hm. Gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wir stecken noch im Honeymoon. Oder wir haben die Schwarzbrotphase übersprungen. Könnte sein, wir haben hier ja schließlich ´ne Brotbackmaschine.

    Bernd, das Brot

    Und sonst so?

    Am 1. September war Frühlingsanfang. Es wird jeden Tag wärmer, in unserem Garten sprießen die Blumen, und es wird nicht mehr ganz so früh dunkel. Aber es ist jetzt auch nicht alles rosarot hier. Heute war ein Tag zum Wahnsinnigwerden. Ewiges Herumsitzen im Sozialamt, Riesenärger mit Versicherungen und verplante Kollegen, die immer wieder wichtige Dinge vergessen. Bei aller Geduld nervt das am meisten: Vergessen als Volkssport. Eine Trainerin für interkulturelle Kommunikation drückt es so aus: „Termine und Verabredungen werden flexibel gehandhabt und können geändert werden. Unsicherheit und Wandel werden als Teil des Lebens akzeptiert.“ Jep. Stimmt.

    südafrika

    Spring Break

    Die Top 5 Momente in Südafrika?

    1. Kids beim Stampftanz und bunt gemalte Tiere auf kahlen Wänden. Das Gefühl, wenn sich etwas bewegt und man das Vertrauen von Menschen einer fremden Kultur gewinnt.
    2. Einkaufen bei Stromausfall. Im stockdunklen Supermarkt suchen hundert Handylichter nach Äpfeln, Nudeln oder Tomatensauce. Skurril und lustig.
    3. Auge in Auge mit einem Nashorn. Da weicht man instinktiv zurück und bekommt eine Gänsehaut, obwohl man im Auto sitzt.
    4. Die ersten Nudeln in der leeren Küche eines neuen Hauses kochen. Da haben wir das erste Mal gespürt, dass wir gekommen sind, um für länger zu bleiben.
    5. Leans Englisch beobachten. Neulich hat er Blumen gepflückt und zu seiner Nanny gesagt: „It’s a flower. It’s a glass. It’s a water.“ Er wollte einfach die Blumen ins Wasser stellen.
    Winterspiele südafrika

    Winterspiele

    Und die Flop 5?

    1. Autoversicherungen abschließen. Geht nur am Telefon und kostet einen den letzten Nerv. Wir sind in Südafrika noch keinem Verbrecher begegnet. Am Telefon hatten wir schon welche.
    2. Zululand Time. Das Einhalten von Deadlines interessiert niemanden (außer uns Deutschen natürlich). Gibt immer was Wichtigeres. Zum Beispiel, dass die Chefin einkaufen gehen muss.
    3. Der südafrikanische Winter. Ohne Heizung, aber dafür mit zugigen Fenstern kann der ganz schön kalt sein.
    4. In Ämtern rumhocken aka in Schlangen stehen. Gehört hier dazu. Geht einem aber trotzdem tierisch auf den Wecker.
    5. Immer dieselben Sätze hören. „Maybe tomorrow.” „Sorry, our system is down.“ „Sorry, couldn’t call, no Airtime.” Macht einen mürbe.

    Alle Fotos: fuexxe

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