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    Unsere Tage im Zululand sind gepflastert mit kleinen Momenten des Scheiterns. Oft müssen wir schmerzhaft Loslassen lernen, anstatt immer wieder nach dem Warum zu fragen.

    Man kennt es aus amerikanischen Filmen und dem Silicon Valley. Erfolgreiche Unternehmer erzählen gerne, wie oft sie mit ihren Ideen auf die Nase gefallen sind, bevor der Erfolg kam. Die Moral der Geschichte: Jedes Scheitern war ein Schritt auf dem Weg zum großen Ziel. Aufgeben darf keine Option sein. Wenn etwas nicht klappt, lernt man daraus und lässt die Erfahrungen beim nächsten Versuch einfliessen, bis irgendwann der große Durchbruch folgt. Thomas Edison soll ein glühender Verfechter des Scheiterns gewesen sein. Bevor seine Glühbirne funktionierte, musste er mit seinem Team tausendfache Rückschläge hinnehmen. Aber er verzweifelte nicht. Stattdessen sagte er der Legende nach: „Ich bin nicht gescheitert. Aber ich kenne jetzt 1000 Wege, wie man keine Glühbirne baut.“

    Kleine Momente des Scheiterns

    Ein Glück, dass Edison nicht in Afrika nach der Glühbirne gesucht hat. Die Tage auf diesem Kontinent sind gepflastert mit kleinen Momenten des Scheiterns – ohne dass es sich so anfühlt, als stünde der Durchbruch kurz bevor. Unser Einsatz im Zululand bleibt auch nach mehr als zwei Jahren eine emotionale Achterbahnfahrt. Hoffnung,Freude, Zuversicht, Stolz wechseln sich ab mit Situationen, in denen wir vor Frust am liebsten laut schreien würden. Immer wieder tauchen die gleichen Probleme auf, und wir mussten schmerzhaft lernen, uns einzugestehen: „Egal, wie sehr ich mich ärgere – ich muss es einfach akzeptieren!“ Die hiesige Kultur ist eine des Hinnehmens: Was passiert, passiert, vielleicht heute, vielleicht morgen, vielleicht in einem Monat – oder auch gar nicht! Spontanes Handeln schlägt jeden Plan, und was gestern gesagt wurde, interessiert heute niemanden mehr. Besonders bei der Arbeit im Kinderheim bringt uns das oft an unsere Grenzen. „Angazi“ heißt auf isiZulu „Ich weiß nicht“ und gehört zu den meistbenutzten Ausdrücken überhaupt. Beliebt ist er auch deshalb, weil er davor schützt, Verantwortung übernehmen zu müssen.

     

     

    Flexibel bleiben

    Nicht, dass es an Aktionismus mangelt. Ideen gibt es viele, kleine und große Projekte, das zugehörige Prinzip heißt Trial and Error. Oft bricht plötzlich Hektik aus („We need it now now“) und Dinge werden Hals über Kopf erledigt, bis einen Tag später die nächste Krise kommt, die alles vergessen macht, was vorher war. Während in Deutschland der Alltag ohne Planung kaum vorstellbar ist („Eins nach dem anderen!“), heißt die Devise hier: Alles auf einmal – und hoffen, dass möglichst viel klappt. Nach zweieinhalb Jahren haben wir gelernt, dass dieses chaotische Verhalten System hat. Wo wir das viele Scheitern sehen, zählt für die Kollegen das Positive, denn irgendetwas klappt immer, und vielleicht war das wichtiger als jeder Plan, den es vorher gab. Vielleicht ist ein ganztägiger Trip nach Durban in unseren Augen umsonst, wenn sich herausstellt, dass der gewünschte Gesprächspartner im Urlaub ist. Wir sagen dann: „Hätte man ja vorher mal anrufen können.“ Die südafrikanische Einstellung lautet: „Flexibel bleiben!“ Besuchen wir eben einen anderen Partner, mit dem wir sowieso längst mal wieder sprechen wollten. Der war nämlich beim letzten Mal nicht da.

    An guten Tagen läuft alles glatt, an schlechten gehen Dinge reihenweise schief. In Würde zu scheitern, gehörte zu unserem Alltag wie die Sonne am Himmel – egal, wie sehr wir uns dagegen wehren. Am schwierigsten bleiben „deutsche Themen“ wie Zeiteinteilung, Struktur, Effizienz, Kommunikation, weil sie in diesem Land ganz einfach nachrangige Bedeutung haben. Dafür reiben wir uns immer wieder die Augen, wie wichtig formale Dinge sein können: Der Schein ist wichtiger als der Inhalt. Einmal verbrachte eine Schwester eine komplette Nacht bei Kerzenschein, um einen von Julia wochenlang bearbeiteten Antrag noch einmal neu auszufüllen, bevor er am Morgen abgegeben werden musste. Warum? Weil sie keinen schwarzen, sondern blauen Kugelschreiber verwendet hatte.

    Loslassen lernen

    Die wichtigste Eigenschaft, die wir als Expats gelernt haben, ist Loslassen. Nicht zu verwechseln mit Aufgeben, sich zurückziehen, frustriert sein. Vielmehr geht es darum, ab einem gewissen, nicht genau zu definierenden Punkt den Dingen freien Lauf zu lassen. Teil dieses veränderten Mindsets sind die altbekannten Buchstaben TiA – This is Africa. Sie dürfen eingesetzt werden, wenn kein anderer Weg mehr in Sichtweite ist, und sie stehen bildlich für die Attitüde: Akzeptiere, was Du nicht ändern kannst. Der direkte Weg muss nicht unbedingt der Beste sein, und manchmal ist es clever, mit dem Kopfschütteln aufzuhören, die Realität zu akzeptieren und sich anderen Dingen zuzuwenden. Einmal fuhr ich mit einem Freund auf dem Beifahrersitz auf der Autobahn N2 in Richtung Durban. Vor einer Mautstation stand ein LKW quer und versperrte alle Übergänge, es bildete sich ein langer Stau. Der Fahrer stand seelenruhig da und telefonierte. Ich hielt an, schaute mir das Schauspiel an und fragte irgendwann meinen Freund: „Why is he doing that?“ Er sah mich an und lachte. „I thought you are in Africa long enough, my friend. Don’t ask why. Never ask why. You don’t win anything if you ask why. Just accept it.“

     

    Text & Fotos: fuexxe

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