Viele Zulu-Frauen leben ein modernes Leben, respektieren aber gleichzeitig ihre kulturellen Traditionen. uMemulo ist eines der wichtigsten Rituale auf dem Weg ins Erwachsenenalter.

Die Zulus – wörtlich übersetzt das Volk des Himmels – leben irgendwo zwischen Tradition und Moderne. Auf der einen Seite leben junge Menschen im neuen Südafrika, mit westlicher Prägung, Smartphone und Laptops. Auf der anderen respektieren sie die Familie und mit ihr verbundenen Traditionen: Stammesrituale, Stampftanz und Perlenschmuck. Oft krachen die beiden Lebenswelten zusammen, etwa, wenn Zulu-Männer Angst um den Verlust ihrer dominanten Rolle haben oder wenn ältere Semester sich über den Niedergang der Sprache beschweren. Manchmal lassen sich die beiden Welten aber auch ganz gut kombinieren. Nehmen wir das Beispiel einer Freundin von uns: Sie ist jung, gut ausgebildet und clever, eine moderne Frau, die selbstbewusst ihren Weg geht. Für sie ist es  selbstverständlich, die Traditionen ihrer Familie zu würdigen. Kürzlich – ein paar Tage nach ihrem 21. Geburtstag – feierte sie uMemuloeines der wichtigsten Rituale für junge Frauen in der Zulu-Kultur. Die Familie hatte mehr als 150 Gäste eingeladen, um gemeinsam zu feiern, dass sie ihren Körper 21 Jahre lang respektiert hatte. Die Zeremonie ist vergleichbar mit einer Zulu-Hochzeit, nur ohne Bräutigam. Und auch wenn uns Europäern das Ritual fremd vorkommt: In der hiesigen Kultur hat es große Bedeutung. Nach dem uMemulo sind junge Frauen endgültig bereit für das Leben als Erwachsene.


 

Feste Rituale

Mindestens eine Woche lang wird die uMemulo-Kandidatin vor dem großen Fest intensiv auf die Zeremonie vorbereitet, zusammen mit fünf Brautjungfern (izimpelesi). Die Damen sitzen dabei die ganze Zeit über in einem Raum, bedecken ihre Körper mit Lehm (ibomvu) und üben Gesänge und Zulu-Tänze für den großen Tag ein. Verlassen dürfen sie den Raum nur, wenn sie komplett in eine Decke gehüllt sind (ukugonqa). Am vierten Tag holen sie gemeinsam den Speer (umkhonto), der dem Familienoberhaupt übergeben und an einem heiligen Ort innerhalb der Zuluhütte aufbewahrt wird. An den folgenden Abenden werden Hühner, Ziegen und Kühe geschlachtet und von der Familie gegessen; gleichzeitig sind das Armband aus Ziegenhaut (isiphandla) und vor allem das Kuhfett (umhlwehlwe) wichtige Teile der Zeremonie.

Am Abend vor dem großen Tag kommen Jungfrauen aus der Umgebung zur Zulu-Hütte, um dort zu singen und zu tanzen. Um Mitternacht stoßen die uMemulo-Frauen dazu. In den frühen Morgenstunden gehen sie zum Fluss, um zu baden – ein Zeichen für Reinigung und neue Anfänge. Anschließend erhalten die jungen Frauen weiße Punkte auf die Stirn gemalt, als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit. Die Protagonistin wird in traditionelle Gewänder gekleidet und vom Familienoberhaupt zu einem offenen Raum (isigcawu) geführt, an dem der Hauptteil der Zeremonie stattfindet – inklusive dem kulturellen Tanz ukusina, der nach strengen Regeln abläuft. Die junge Zulu-Frau tanzt mit dem Speer, begrüßt die Gäste und bekommt von ihnen Geldscheine auf ihren Kopf gepinnt. Im Anschluss werden alle Besucher mit traditionellen Getränken und Essen bewirtet; auch nicht Eingeladene sind willkommen, selbst wenn sie nur zufällig vorbeigekommen sind.

Vom Mädchen zur Frau

Ursprünglich durften nur Jungfrauen die Zeremonie erhalten; heutzutage aber werden die Regeln manchmal aufgeweicht, sodass auch Frauen mit Partnern ihr uMemulo bekommen können. „In der Zulu-Tradition bin ich jetzt eine erwachsene Frau“, erzählte unsere Freundin stolz, als wir uns wiedersahen. Ihr Gesicht strahlte, sonst aber war sie ganz die Alte. Einen Tag vorher hatte sie – nur mit Perlen und frischem Kuhfett bedeckt – stundenlang unter freiem Himmel durchgetanzt. Nun stand sie als angehende Lehrerin vor ihrer Klasse und korrigierte Aufsätze. Genau so funktioniert für viele Zulus das Leben: Als Hin und Her zwischen Tradition und Moderne, familiären Pflichten und Individualität, langen Röcken und engen Jeans, Kuhfell und Smartphone. Je mehr das moderne Leben Einzug hält, umso eher werden Rituale und Zeremonien der Vergangenheit angehören. Noch aber ist die Tradition quicklebendig.


Text & Fotos: fuexxe

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