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Macho-Kultur und traditionelle Rollenverteilung gibt es nicht nur im Zululand. Aber hier ist die Trennung zwischen Mann und Frau extremer als anderswo.

Ein 24-jähriger Zulu, wohnhaft bei seiner Mutter, steht im roten Nike-Trainingsanzug vor mir und zeigt mir Bilder seiner beiden Babys auf dem Handy, vier und zwölf Monate alt. Moment mal, denke ich, da stimmt doch was nicht: Vier und zwölf Monate? Naja, sagt er fröhlich und grinst, die Kinder sind von verschiedenen Frauen. Ach so, sage ich. Kümmerst Du dich denn um Deinen Nachwuchs? Selbstverständlich, sagt er und nickt heftig. Ganz traditionell hat er den Eltern beider Frauen jeweils eine Kuh gekauft, als Kompensation für das uneheliche Kind. „That’s how you do it in our culture“, sagt er und hebt den Daumen. Immerhin kommt er beim Kind billiger weg als bei einer Hochzeit. Der Brautpreis für eine Frau (ohne Kind) liegt in der Regel bei elf Kühen.

Willkommen im Zululand, wo die Gleichberechtigung zwar im Gesetz steht, aber deshalb noch lange nicht im Alltag angekommen ist. Der Mann hat die Hosen an, im wahrsten Sinne des Wortes. Frauen dürfen ausschliesslich Röcke tragen, Männer treffen die Entscheidungen. Natürlich sind nicht alle südafrikanischen Männer gleich, das gleich vorweg. Trotzdem fällt einem westlich geprägten Expat schon bald auf, dass die südafrikanische Gesellschaft in Sachen Geschlechterrollen ziemlich steinzeitlich aufgestellt ist – unabhängig von Hautfarbe und sozialem Status übrigens. Männer jagen und ziehen in den Krieg, Frauen halten die Hütte in Ordnung und ziehen die Kinder auf. That’s basically it. Auch wenn die Welt längst eine andere ist.

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Schwarzes Schild in der Mitte: Kein Zutritt für Frauen, die keine Röcke tragen

Eins der Probleme besteht darin, dass die Zulus ein kriegerisches Volk sind, es aber keine Kriege mehr auszufechten gibt. „Das momentane Level von Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, Drogenmissbrauch, Verbreitung von HIV, rücksichtloses Fahren im Strassenverkehr und Kriminalität sind einige der Konsequenzen einer Männlichkeit, die in Aufruhr geraten ist“, schrieb Lindani Hadebe 2010 in ihrer Dissertation über Männlichkeit in der Zulu-Kultur. Viele Zulu-Familien stecken mitten im Niemandsland zwischen Tradition und Moderne. Nehmen wir Leans Nanny, eine intelligente, 24-jährige Frau. Sie hat kürzlich geheiratet. Seitdem gehört sie nicht mehr zur Familie ihrer Eltern, sondern zu der ihres Ehemanns (inklusive dessen Ahnen übrigens, aber das nur am Rande). Er lebt in Durban, sie in Eshowe, ihre Tochter wächst bei der Oma auf dem Land auf, weil ihr Mann das so entschieden hat. In Kürze muss sie umziehen, um die neuen Regeln der Familie ihres Mannes zu erlernen. Ein paar Beispiele: Männer kochen und putzen niemals, das kennt man. Aber hier dürfen sie noch nicht einmal die Küche betreten! Dafür entscheiden sie, wann Frauen und Kinder ausgehen dürfen und wann sie zuhause sein müssen. Wie kurz oder lang ihre Röcke sein dürfen. Und wann sie ihre Haare schneiden. Kein Witz: Die Sozialarbeiterin im Kinderheim, eine gebildete und selbständige Frau, darf ihre Haare nur mit der Erlaubnis ihres Ehemanns abschneiden.

Das Geld für die Ernährung der Familie treiben allerdings meistens die Frauen auf, während die Männer nach dem „Payday“ Ende des Monats erst einmal in der Kneipe vorbeischauen. In den Medien werden Stereotype statt Gleichberechtigung zelebriert; in einer Liveschalte auf East Coast Radio wurden kürzlich alle Männer, die anriefen und erzählten, dass sie nach der Geburt ihres Kindes ein paar Tage zuhause bleiben wollten, als Schlappschwänze verunglimpft. Und die Politik? Naja. Staatspräsident Jacob Zuma war sechsmal verheiratet, lebt mit vier Ehefrauen zusammen und hat geschätzte 20 Kinder, darunter mehrere unehelich. Er hat keinen Schulabschluss und etliche Prozesse am Hals, unter anderem wegen Vergewaltigung. Ausserdem hat er öffentlich verkündet, dass er es gut findet, wenn Frauen sich vor die Füsse ihrer Männer legen, um Respekt zu zeigen. Noch Fragen?

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In Sachen Gleichberechtigung betreiben wir hier in Südafrika täglich Entwicklungshilfe, indem wir uns einfach nur ganz normal verhalten. Ein Mann, der Windeln wechselt? Kinder aus der Schule abholt? Essen kocht? Eine Frau, die am Braai auch mal die Wurst umdreht? Am Steuer eines Autos sitzt? Löcher in die Wand bohrt? Die spinnen, die Deutschen. Zum Schluss noch dies: Vor einiger Zeit joggte ein Bekannter an unserem Haus vorbei und hörte das laute Knattern einer Bohrmaschine. Er wusste, dass ich nicht zuhause war, und rief mich sofort voller Sorge und außer Atem an: „I really don’t know what’s going on at your house, someone is using a drilling machine!“ Ich konnte ihn beruhigen. Julia hatte nur ein Bild aufgehängt. Ohne vorher zu fragen!

Text & Fotos: fuexxe, GovernmentZA

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