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    Wir arbeiten für das Kinderheim St. Joseph in Mbongolwane, KwaZulu-Natal. 30 Mädchen und Jungen leben dort – und alle haben Dinge erlebt, die man kaum erzählen mag. Die Geschichten der Kinder liegen in schwarzen Aktenordnern in den Büros der Missionsstation vergraben. Manche wurden als Babys in Müllsäcken auf der Strasse gefunden, andere mussten vor häuslicher Gewalt und Missbrauch fliehen. Kürzlich haben wir die Geschichte der vierjährigen Zibuyile* aufgeschrieben. Auf Drängen einer Sozialarbeiterin wurden sie und ihr Bruder von der alkoholkranken Mutter getrennt und ins Heim gebracht.

    Informationen und Bilder über das Leben im Kinderheim findet ihr auf der Website www.stjoseph-cycc.de.

    „Ich heiße Zibuyile, und heute habe ich zum ersten Mal getanzt. Ich habe fest mit den Füssen auf den Boden gestampft, wie ein grosses Zulu-Mädchen, obwohl ich erst vier Jahre alt bin. Die Frauen, die auf uns aufpassen, haben mir gezeigt, wie man es richtig macht. Alle haben laut geklatscht und gelacht und sich gefreut, und danach gab es viel zu essen. Wir Kinder haben sogar amaswidi bekommen. Ich habe mir den Mund vollgestopft, bis meine Backen so dick waren, dass mein Gesicht ausgesehen hat wie ein Ballon, und dann habe ich laut gelacht. Das war ein bisschen komisch. Alle haben mich angeschaut wie einen Geist. Da habe ich mir überlegt, ob ich nicht doch mal wieder etwas sagen soll. Aber dann habe ich an Mama gedacht, und dass sie immer wütend war, wenn ich geweint habe. Also habe ich weggeschaut, bis keiner mehr auf mich geachtet hat. So lange ich unsichtbar bleibe, kann nichts passieren.

    Mama mag die Sonne nicht

    Die Tanten im Kinderheim verstehen mich. Sie sind nett zu mir, und sie sind immer da. Wenn es Tag ist, sind sie wach und kümmern sich um uns. Nachts schlafen sie in unseren Zimmern, und wenn einer von uns schlecht träumt oder weint, dann helfen sie uns. Mama hat nachts nie geschlafen. Sie hat laut geredet und gelacht und gesungen und getanzt. Ich habe gebetet, dass sie mit uns zuhause bleibt. Aber dann sind wir doch zu den Autos gegangen, fast jeden Tag. Auf dem Weg hat Mama aus der grossen Flasche getrunken und die kleinen Pillen gegessen. Wenn wir dort waren, hat sie mich und meinen kleinen Bruder in eins der Auto gesetzt, in denen die Musik so laut aus den Lautsprechern geschrien hat, dass es in meinem Körper gekribbelt hat. Wir haben uns die Ohren zugehalten und unsere Köpfe in dünne Decken aus Plastik gewickelt, aber es war trotzdem zu laut zum Schlafen. Manchmal habe ich geweint, weil ich nach Hause wollte, und mein Bruder auch, aber dann ist Mama wütend geworden. Sie hat gesagt, dass wir nichts mehr zu essen bekommen, auch keine amaswidi. Irgendwann sind wir eingeschlafen, und wenn ich aufgewacht bin, haben mir die Ohren so weh getan, als ob jemand mit einer Nadel hineingestochen hätte. Manchmal war die Sonne schon aufgegangen, wenn Mama mit uns nach Hause gegangen ist. Sie hat immer furchtbar müde ausgesehen. Die Farbe in ihrem Gesicht war verschmiert, und sie hat nach Flaschen gerochen und nach der Glut des Feuers. Auf dem Weg hat sie geweint und geschimpft. Ich glaube, es ging um Papa. Meine Freundin Noxolo sagt, dass jedes Kind einen Papa hat, aber ich habe meinen noch nie gesehen.

    Tagsüber hat uns Mama zur Granny gebracht. Sie selbst wollte den ganzen Tag nur schlafen. Ich glaube, sie mag die Sonne nicht. Nie wollte sie das Licht des Tages sehen, und wenn, war ihr Gesicht traurig und wütend. Sie hat immer mit der Granny gestritten, die beiden haben sich angeschrien und geweint. Meistens wollte Mama Geld von ihr, aber die Granny hat Nein gesagt. Und dann hat sie gesagt, dass sie zu alt und zu schwach ist, um Kinder gross zu ziehen. Dann ist Mama so wütend geworden, dass sie manchmal vergessen hat, uns etwas zu essen zu geben. Sie hat die Hütte zugesperrt und ist weggegangen, oft waren wir stundenlang alleine, und ich habe grosse Angst gehabt. Einmal ist mein Bruder aus dem Bett gefallen, er ist ja noch ein Baby. Er war verletzt und hat laut geweint, aber die Türe war verschlossen. Ich habe laut geschrien, damals durfte ich das noch. Aber wir mussten sehr lange warten, bis uns endlich jemand gehört hat.

    Abschied ins Kinderheim

    Das war der Tag, an dem ich mir überlegt habe, dass ich unsichtbar werden möchte. Ich habe nichts mehr gesagt und nicht mehr geweint und die Augen ganz fest zugemacht, wenn es sein musste. Ich wollte, dass Mama endlich wieder fröhlicher wird. Aber es hat nicht so gut geholfen. Sie war nur fröhlich, wenn wir nachts zu den Autos gegangen sind. Einmal sind wir morgens nach Hause gekommen, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. An diesem Tag ist eine Frau mit blauer Uniform vor der Hütte gestanden und hat lange mit Mama und der Granny geredet. Irgendwann hat die Frau uns an die Hand genommen und gesagt, dass sie ein neues Zuhause für uns gefunden hat. Dann sind wir in ein silbernes Auto gestiegen und nach St. Joseph gefahren. Mama ist da geblieben. Ich habe ihr zum Abschied gewunken, aber sie war schon in der Hütte verschwunden. Ich glaube, sie war schon wieder furchtbar müde.“

    *Name geändert

    Text & Fotos: fuexxe

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