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    Stell Dir vor, es ist Fussball-EM, und keinen interessiert’s. Bei uns im Zululand ist Fussball zwar bei den Einheimischen beliebt – allerdings nur, wenn Bafana Bafana oder die Kaizer Chiefs spielen. Deutschland gegen Polen löst dagegen höchstens ein kräftiges Gähnen aus.

    Südafrikaner definieren sich von Kindheit an über Sport – jedenfalls hier im Zululand. Nicht selten sind Jungen und Mädchen in und ausserhalb der Schule aktiv beim Rugby, Fussball, Netball, Cricket, Surfen, Golf, Tennis und Hockey. Man wächst mit „seinem“ Sport auf und bleibt auch später Fan. Allerdings fiebert man auf lokaler oder regionaler Ebene mit, eher selten als Nation. Kürzlich war der Comrades in aller Munde, ein traditionsreicher, knapp 90 Kilometer langer Doppelmarathon von Pietermaritzburg nach Durban. Fast jeder kannte irgendjemanden, der dort mitgelaufen ist. Ein Fussballturnier wie die EM in Frankreich interessiert dagegen kaum jemanden – nicht nur, weil das Turnier auf einem anderen Kontinent stattfindet. Die Erklärung liegt tiefer. Ob Fussball, Rugby oder Cricket – die Geschichte des Sports erzählt viel über Südafrika nach dem Ende der Apartheid.

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    Medaille

    Eigentlich ist alles ganz einfach: Fussball ist der Sport der Schwarzen, während die Weissen Rugby, Cricket und Golf bevorzugen. Hinter dieser Feststellung steckt jede Menge Zündstoff, denn tatsächlich spiegelt sich beim Sport die Spaltung der Gesellschaft wider. In den Jahren nach dem Fall der Apartheid führte die Regierung (ähnlich wie beim Black Empowerment in der Wirtschaft) Quoten ein, um eine bessere Mischung südafrikanischer Teams zu erzwingen und Chancengleichheit zu ermöglichen. Heute müssen mindestens sechs Spieler eines Cricket-Teams farbig sein, mindestens drei davon schwarzafrikanisch. Das Rugby-Nationalteam muss bis 2019 zu mindestens 50 Prozent aus schwarzen Spielern bestehen.

    So wollte man erreichen, dass südafrikanische Sportarten “bunter” werden und kulturelle Grenzen durch die Kraft des Sports überwunden werden. Tatsächlich hat dieser gut gemeinte Ansatz sein Ziel verfehlt. Das Problem ist: Hautfarbe zählt teilweise mehr als Leistung – und die Diskussionen über den Sport sind viel zu sehr von ihr beherrscht. Die Gräben an den Stammtischen und in den Pubs bleiben tief, auch, weil beim Fussball, einem fast hundertprozentig schwarzen Sport, auf eine Quote verzichtet wird. Stand heute stellt sich die Situation so dar: Kaum ein Schwarzer sieht sich freiwillig ein Cricket-Spiel an, weil Coaches laut weitverbreiteter Meinung noch immer weisse und indische Spieler bevorzugen. Gleichzeitig machen sich die Weissen über die Schwäche der Nationalmannschaft Bafana Bafana lustig und lehnen Fussball als Sport ab, weil hellhäutige Talente dort sowieso keine Chance hätten.

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    Moses

    Und so bleibt in Südafrika alles, wie es schon immer war: Jeder hat seinen eigenen Sport! Ein Team, das alle Farben des Regenbogens verbindet und von allen Südafrikanern gefeiert wird, gibt es nicht. In Sachen Fussball ist die Entwicklung einfach stehen geblieben: Viele Menschen im Zululand lieben das Spiel, selbst in Mbongolwane gibt es ein kleines Stadion. Aber die Qualität des Profifussballs ist schlecht. Eigentlich gibt es mit den “Orlando Pirates” und den “Keyzer Chiefs”, beide aus Johannesburg, nur zwei Teams mit grosser Fanbase. In Durban steht das ultramoderne Moses-Mabhida-Stadion (gebaut für die Fussball-WM 2010) meistens leer und dient als Kulisse für Konzerte und Bungee Jumping. Überhaupt hat die Ausrichtung der Weltmeisterschaft vor allem leere Stadien hinterlassen, aber wenig für die Entwicklung des Landes getan. International spielt höchstens die englische Premier League eine Rolle, bei Länderwettbewerben sorgt Bafana Bafana regelmässig für Enttäuschungen. Unter den Weissen ist Fussball so beliebt wie in Deutschland Curling oder Polo. Und wenn man erwähnt, dass Deutschland 2014 Weltmeister geworden ist, heisst es: „Yes, Klinsmann, okay!“. Gute Voraussetzungen also, um als europäischer Fussballfan eine einsame Europameisterschaft in Südafrika zu erleben.

    Text: fuexxe / Fotos: fuexxe, GovernmentZA, pixabay, MoeMoosa

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