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    Flüchtlinge, Terror, AfD, Brexit, Donald Trump: Wie es sich anfühlt, grosse Veränderungen aus der Ferne eines anderen Kontinents zu beobachten.

    Seit wir vor 18 Monaten in Richtung Südafrika aufgebrochen sind, hat sich viel verändert. Wir selbst sind anders geworden, natürlich. Aber gleichzeitig hat sich Deutschland verändert, Europa und die Welt. Im Mai 2015 waren Flüchtlinge in Europa ein Randthema. Die AfD war eine Splitterpartei, die sich selbst zerfleischte. Fremdenfeindliche Parolen waren nicht salonfähig, Terrorangst im Alltag weit entfernt. Der Ausdruck Brexit gehörte nicht zum allgemeinen Wortschatz und Donald Trump war eine Witzfigur, die niemand erst nahm. Kaum zu glauben, aber die Liste liesse sich endlos fortsetzen.

    Jetzt ist alles anders, und durch Internet und Massenmedien waren wir überall irgendwie dabei. Wir haben genauso viele Nachrichten gelesen wie vorher, Bilder und Videos gesehen – oft sogar in Echtzeit, weil fast kein Zeitunterschied zu Deutschland besteht. Was fehlt, ist die Atmosphäre, die direkten Begegnungen und Gespräche: Flüchtlinge im Zug oder in der U-Bahn, Diskussionen im Freundeskreis oder in der Mittagspause. Den Hass, der alltäglich geworden zu sein scheint, mit eigenen Augen sehen und spüren, oder die Welle der Solidarität, die Teile der Gesellschaft erfasst hat. All das können Medien bedingt oder gar nicht rüberbringen. Ein bisschen ist es so, als ob wir durch eine Glasscheibe gucken, entkoppelt von emotionaler Nähe. Alles verschwimmt, meistens zu einem negativen Bild der Gesellschaft. Und wir fühlen uns einerseits nah und andererseits ziemlich weit weg.

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    Währenddessen erleben wir eine ganz andere Realität aus nächster Nähe. In kaum einem Land weltweit ist die Schere zwischen Arm und Reich so gross wie in Südafrika. Viele kämpfen ums Überleben, gegen Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Hoffnungslosigkeit. Weltpolitik ist für die meisten Menschen im Zululand zweitrangig, und die Leute haben ihr ganz eigenes Bild von Europa. „I want to visit your country“, hat ein junger Zulu kürzlich zu mir gesagt. „My friend told me there are jobs for everyone.“ Selbst hier in Südafrika, wo es den Menschen insgesamt besser geht als in Nachbarländern wie Mozambique oder Zimbabwe, träumen die Menschen davon, im Westen ihr Glück zu finden. Ich habe versucht, dem jungen Mann zu erklären, dass er in seiner Heimat grössere Chancen hat als im fernen Europa. So richtig überzeugt war ich selbst nicht davon, denn ich weiss, wie schwierig das Leben für junge Menschen hier ist. Und ob er mir geglaubt hat, ist eine ganz andere Frage.

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    Ein grosses Problem liegt darin, dass unser Bild von Afrika (und anderen Regionen, Kulturen und Religionen) genauso von Vorurteilen geprägt ist wie andersherum. Und mit diesen Vorurteilen machen die AfD und die Donald Trumps dieser Welt Politik, in dem sie Angst vor dem Fremden verbreiten. Es macht den Eindruck, als ob die Taktik in diesen Zeiten funktioniert. Wenn sich die Dinge in den nächsten eineinhalb Jahren weiter so schnell entwickeln, kommen wir in ein anderes Deutschland und Europa zurück, in eine veränderte Gesellschaft. Jedenfalls fühlt es sich aus der Ferne so an. Die andere Seite ist: Wenn wir fragen, erzählen uns Freunde bei Skype immer wieder, dass sich im Alltag bisher kaum etwas verändert hat.

    Also machen wir das, was wir schon die ganze Zeit machen: Den Alltag in Südafrika bewältigen, unserem Sohn beim Wachsen zuschauen, weiterhin durch die Glasscheibe nach Europa gucken und das Beste hoffen. Und gegen die Trumps dieser Welt kämpfen, indem man noch offener und ohne Angst durch die Gegend spaziert.

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    Text & Fotos: fuexxe

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