Home > Tagebuch > Die ersten Tage > Mr. Bean und das Visum

    Freie Lungen, Knastbrüder und ein falscher Mr. Bean: Ein Bericht über unsere monatelange Odyssee, ein Langzeitvisum für Südafrika zu bekommen.

    Ein kleiner, grüner Aufkleber im Reisepass. Mehr ist es nicht. Aber ein Visum für Südafrika zu bekommen, ist schwieriger als eine Audienz beim Papst. Seit November sind wir damit beschäftigt, uns für ein Visitors visa section 11(1) (b) (ii) zu qualifizieren, um legal in diesem Land bleiben zu können. Leider müssen wir feststellen: Das Ganze ist ein Spießrutenlauf. Der Staat macht es Anwärtern sehr schwer, legalen Status zu erlangen – wahrscheinlich, weil so viele Menschen aus afrikanischen Nachbarländern ins Land drängen. Das Dumme ist nur, dass die Taktik völlig am Ziel vorbeischießt. In Visa Centern erlebt man tränenreiche Szenen, ganz normale Menschen, die an der Bürokratie verzweifeln. Zur gleichen Zeit spazieren illegale Einwanderer einfach ohne Dokumente über die Grenze. Ist man erstmal im Land, interessiert das Visum niemanden mehr. Aber am Flughafen ist es eben relativ wichtig.

    Knastgeschichten

    Schon beim ersten Mal hat der Prozess Monate gedauert. Deshalb haben wir dieses Mal früh damit angefangen, Dokumente aufzutreiben. Ein Zertifikat vom Arzt, dass wir körperlich und geistig auf der Höhe sind. Röntgenbilder unserer Lunge, analysiert von einem tschechischen Radiologen in einem Privatkrankenhaus in Empangeni. Ein polizeiliches Führungszeugnis, für das wir ungelogen in eine Gefängniszelle eingesperrt wurden – dort steht auf der lokalen Polizeistation das einzige Gerät für die Entnahme von Fingerabdrücken. Während eine gelangweilte Polizistin den Daumen unseres sechsjährigen Sohns ins Tintenfass tauchte, kam plötzlich ein Gefangenentransport an. Schwere Jungs mit leeren Gesichtern und rasselnden Fuß- und Handschellen standen ungefähr einen Meter von uns entfernt. „Are you a real bad guy?“, fragte Lean einen von ihnen mit klappernden Zähnen. „Yes!“, antwortete die Polizistin. Der Typ, an den die Frage gerichtet war, sah Lean mit blutroten Augen an, grinste zahnlos und rasselte mit seinen Ketten.

    Kampf ums Visum

    In den folgenden Wochen schrieben wir viele Briefe. Am wichtigsten war Julias Antrag: Sie ist diejenige, die ein Arbeitsvisum bekommt, ihre Familie darf als Begleitung mit, „to accompany spouse who is on a valid visa„. Julias Chefin, die ranghöchste Schwester des Ordens, musste auf zweieinhalb gedruckten Seiten erklären, was diese deutsche Frau eigentlich in einem Kinderheim im Zululand macht. Home Affairs will jedes noch so kleine Detail wissen: Qualifikation, Arbeitsfeld, Aufgaben, Kollegen, Geburtsurkunden, Heiratsurkunden, Bestätigung der gemeinsamen Sorgepflicht, Körbchengröße. Jedenfalls fast. Und natürlich das liebe Geld: Kontoauszüge der letzten sechs Monate. Eine eidesstattliche Erklärung, dass wir für uns selbst sorgen können. Nachweise, dass unser Versorgungsgeld aus Deutschland bezahlt wird. All das darf nicht älter als sechs Monate sein und muss von der Polizei beglaubigt werden. Ach ja, und die Reisepässe natürlich: Bei der deutschen Botschaft in Durban mussten wir einen neuen Pass für Lean beantragen. War auch nicht ganz einfach, aber im Vergleich zum südafrikanischen Visakrieg der reinste Spaziergang.

    Denn als wir alles zusammen hatten, ging der Spaß erst richtig los. Das verantwortliche Department of Home Affairs hat nämlich keine Lust auf den ganzen Papierkram – und engagiert deshalb einen Dienstleister, der dafür sorgen soll, dass alle Anträge korrekt und klinisch rein in der Hauptstadt Pretoria ankommen. Blöd nur, dass in diesem Laden die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Mitarbeiter eins hatte für mich und Lean die falschen Formulare genannt, deshalb konnten wir beim ersten Termin in Durban nur Julias Antrag abgeben (Mitarbeiter zwei). Dass wir jedes Mal zwei Stunden Anfahrt haben und jeder Termin gut 100 Euro pro Person kostet – geschenkt! Als wir ein paar Tage später mit den richtigen Papieren zurückkamen, ließ Mitarbeiter drei die nächste Bombe platzen: Familienanträge müssen zusammen abgegeben werden, ansonsten wird das nichts mit dem Visum. Drei Termine und gut 1000 Euro später stehen die Chancen 50/50, dass wir in einigen Monaten nochmal von vorne anfangen dürfen. Gut, wenn man in solchen Situationen einen Sechsjährigen dabei hat. Nachdem stundenlangem Warten erklärte er dem unfreundlichen Mitarbeiter von VFS Global Solutions zur Begrüßung: „You really look like Mr. Bean!“ Und dann? Fing er mit strahlendem Lachen und lauthals zu singen an. „Mr. Bean, Mr. Bean, Mr. Bean…Mr. Bean, Mr. Bean, Mr. Bean…“

    Checkliste südafrikanisches Langzeitvisum (Visitor’s Visa Volunteer):

    • Am Computer ausgefüllter Onlineantrag von VFS Global Solutions (handschriftliche Ergänzungen sind nicht erlaubt)
    • Reisepass mit mindestens 6 Monaten Gültigkeit
    • persönlicher Termin im VFS Center (gilt auch für Kinder)
    • Reservierung von Rückflugtickets
    • Polizeiliches Führungszeugnis im Original
    • Biometrische Informationen (Fingerabdrücke, Augenscan etc.)
    • Bankauszüge der letzten drei bis sechs Monate („…sufficient financial resources…“)
    • Eidesstattliche Erklärung, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können
    • Medizinischer Report
    • Radiologischer Report
    • Zertifikat Gelbfieberimpfung (je nach vorherigen Aufenthaltsorten und Reisezielen)
    • Bestätigung über elterliche Sorgepflicht
    • Geburtsurkunde
    • Heiratsurkunde
    • Ausführlicher Brief des lokalen Arbeitgebers, der alle Details und Rahmenbedingungen des Freiwilligeneinsatzes beinhalten muss

    Text: fuexxe / Fotos: fuexxe, Flickr, Gerhard Heebe

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