Hexerei und Aberglaube gehören zum Zululand wie rote Erde und Zuckerrohr. Mitten im 21. Jahrhundert bestimmen Naturgeister, Wunderheiler und ein ausgeprägter Ahnenkult den Alltag.

    In der Mittagspause in Mbongolwane gehen wir meistens spazieren. Wir laufen vorbei an kraals von Zulufamilien, Schafherden und Nguni-Kühen. Grüßen die Besucher der örtlichen Kneipe, begegnen Frauen mit schweren Körben auf dem Kopf und halten nach Schlangen Ausschau. An einem heißen Sommertag macht uns jedoch die kleine Köchin einen Strich durch die Rechnung. „Ihr könnt heute keinen Spaziergang machen“, sagt sie, schüttelt heftig den Kopf und zeigt auf den nächstgelegenen Hügel. „Seht ihr dieses Auto? Eine riesige Schlange, die Menschen frisst, wohnt darin.“ Wir sehen sie ungläubig an. Menschenfressende Schlangen, die in Autos wohnen? Will sie uns auf den Arm nehmen?

     

     

    Schlangen und Meerjungfrauen

    Stück für Stück erfahren wir die ganze Geschichte. Einem älteren Herrn ist auf dem Heimweg das Benzin ausgegangen. Als er am nächsten Tag zu seinem Auto zurückkehrte, entdeckte er auf dem Fahrersitz eine riesige, grüne Schlange. Verängstigt suchte er das Weite, und schon bald wusste ganz Mbongolwane, was geschehen war. Die Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und mit jedem Mal wurde die Schlange größer und mächtiger, ganz so wie in einer lokalen Legende. Demnach kommt bei Gewittern eine Riesenschlange aus ihrem Versteck im Innern des Berges, greift Zuluhütten an und frisst die Insassen, um ihren Hunger zu stillen. Manche schwören, dass die Schlange in Wirklichkeit eine Art Meerjungfrau ist, mit dem Gesicht einer Frau und dem Schwanz eines Fisches.

    Zwischen Tradition und Moderne

    Das Volk des Himmels lebt im Niemandsland zwischen Tradition und Moderne. Bis heute ist witchcraft unverändert populär: 80 Prozent aller Südafrikaner besuchen laut Statistiken mindestens dreimal pro Jahr einen sangoma, also einen Wahrsager und Heiler. Bei Zulus dürfte die Quote noch höher liegen. Einer der Gründe dafür ist die Schuld, die in der Zulu-Kultur eine wichtige Rolle spielt. Wenn es um ein konkretes Problem geht – ein kaputtes Dach, ein Autounfall oder eine Krankheit – präsentieren sangomas einen Schuldigen, der Hexerei betrieben hat. Die Frau, der Nachbar, der Milchmann: Irgendeiner muss dahinter stecken. Oder sind die Ahnen verärgert? Zulus glauben nicht an Zufälle, sondern daran, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht – und dass Unglück, Krankheit und plötzliche Todesfälle die Folge von Fehlverhalten sind.

    Hexerei? „Es ist alles wahr!“

    Eine Frau, die auf der Missionsstation arbeitete, aß auf Anraten des sangoma starke Kräuter, um die bösen Geister in ihrem Körper zu vertreiben. Leider verloren ihre HIV-Medikamente durch die Kräuter an Wirkung; sie starb an den Folgen. In einem anderen Fall zerbrach eine Beziehung, weil eine Frau vom sangoma als untreu gebrandmarkt wurde. Auch Buyi, Leans Nanny, erlebte die Macht der Hexerei: Ihre Hütte wurde durch einen Kabelbrand zerstört, zwei Tage später lag ihre Schwester mit schwerer Migräne im Bett. Der sangoma wusste, was passiert war: Eine Schulkameradin hatte sie verhext! Unter anderem wurde sie „von unsichtbaren Tiere im Schlaf angegriffen“. Erst durch tagelanges, intensives Beten (und eine Spende für den sangoma) konnte der Fluch gebannt werden. Klingt, als ob die Geschichte faul sein könnte? Schon. Aber unsere Zweifel wurden in Donald-Trump-Manier abgeschmettert: „Ich weiß, dass weiße Menschen nicht an Hexerei glauben. Aber wir Zulus glauben daran. Es ist alles wahr!”

    Potzblitz und Donnerwetter

    Zulus lieben das Übernatürliche – und sie lieben eine gute Geschichte. Sie sind überzeugt von der Existenz von Naturgeistern, die sich in Lebewesen wie Schlangen, Geckos oder Fröschen einnisten. „Ihr Europäer geht in den Nationalpark und schaut Euch Tiere an. Wir brauchen das nicht. Wir leben seit Jahrhunderten mit ihnen und ihren Geistern zusammen“, erklärt mir eine Zulu-Frau auf Nachfrage. Das schlechte Image vieler Tiere hat mit Angst und Respekt zu tun; immerhin kehren die Geister der Ahnen gerne im Körper von Tieren auf die Erde zurück. Ähnlich unbeliebt bei Zulus sind Naturschauspiele, etwa starke Gewitter. Blitz und Donner gelten als Werkzeug der Geister. Wenn ein Blitz einen Menschen tötet, wird um diesen nicht getrauert, er darf nicht beerdigt werden. In traditionellen Zulu-Hütten werden bei Gewittern sogar die Spiegel zugehängt, damit die Geister der Ahnen kein Einfallstor haben, um per Blitz ins Reich der Lebenden zurückzukehren.

    Afrikanische Fake News

    Die ganze Welt redet von einer postfaktischen Ära, aber in dieser Gegend gehören Erklärungen jenseits von Logik und Realität schon seit den Zeiten von King Shaka zur Normalität. Oft ist es für uns schwer, mit den vielen Fake News umzugehen: Inder können Dich verhexen. Kinder brauchen holy water, weil sie besessen sind. Frösche bringen Unglück. Betten müssen erhöht sein, damit die tokoloshe, kleine Kobolde, einem nachts nichts tun können. Frauen, die Fahrrad fahren, können nicht schwanger werden. Und so weiter. Fakten spielen in diesem Teil der Welt eine untergeordnete Rolle, außerhalb und innerhalb der Missionsstation. Überall bleibt Platz fürs Übernatürliche. Und, ach ja: Das Auto mit der menschenfressenden Schlange steht Wochen später noch immer am selben Fleck.

    Text & Fotos: fuexxe, D. Pagnotta, P. Parent, P. Loeff

    One Comment, RSS

    • Josef Hueber

      says on:
      1. Mai 2019 at 10:30

      Wie immer: hervorragende Fotos und schön geschriebene Texte!

      Vorschlag: Mal sämtliche Fotos, Artikel übergreifend, in eine Fotoshow stellen, wo man sie separat alleine anschauen kann.

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