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In sechs Monaten werden wir unsere Zelte in Südafrika abbrechen und nach Deutschland zurückkehren. Die Frage lautet: Wie groß wird der Kulturschock dieses Mal sein?

Anfang November flatterte eine Mail unserer Organisation Agiamondo ins Haus. Darin fanden wir den so genannten Rückkehrerbrief – mit Informationen zu Themen wie Rückreise, Gepäcktransport, Wiedereingliederung und Jobsuche in Deutschland. Natürlich wussten wir auch vorher schon Bescheid, aber nun hatten wir es schwarz auf weiß: Unser Vertrag endet, eine Verlängerung ist nicht mehr möglich. So, wie wir vor sechs Jahren unser Leben in Deutschland aufgegeben haben, geht nun unser Leben in Südafrika zu Ende.  Der Unterschied ist bloß: Damals machten wir einen lange gehegten Lebenstraum wahr! Und jetzt? Merken wir, dass dieser Traum ein Verfallsdatum hat, das unaufhaltsam näherrückt.

Schneeflocken in der Sonne

Sechs Jahre hören sich unglaublich lang an, wenn sie vor einem liegen. Aber unsere Jahre in Südafrika sind dahingeschmolzen wie Schneeflocken in der Sonne: Man will sie auffangen und kann nicht. Die Zeit verrinnt zwischen den Fingern, wie bei einer Urlaubsreise, die sich den letzten Tagen zuneigt. Und dann kommt auch noch das Leben dazwischen: Eigentlich wollten wir unser letztes volles Jahr 2020 genießen, mit neuem Elan im Kinderheim durchstarten, Reisen auf dem afrikanischen Kontinent machen. Stattdessen standen Corona, Quarantäne und Notfallversorgung im Mittelpunkt. Und jetzt? Wartet auf uns eine ungewisse Zukunft, obwohl wir alles tun, um die Formalien unserer Rückkehr zu organisieren. Trotzdem wissen wir, dass in Deutschland der so genannte „umgekehrte Kulturschock“ auf uns wartet.

Umgekehrter Kulturschock

Der „umgekehrte Kulturschock“ trifft Menschen, die nach langer Zeit im Ausland in ihre alte Heimat zurückkehren. Das Problem: Es ist nicht mehr die Heimat, die man zu kennen glaubt. Stattdessen kommt einem die alte Umgebung, die man immer als selbstverständlich betrachtet hat, plötzlich fremd vor. „Der Schock der Rückkehr fühlt sich an, als ob man seine Kontaktlinsen in den falschen Augen trägt. Alles stimmt – aber eben nur fast!“, schreibt die Australierin Robin Pascoe, die ein Buch über die Rückkehr von Expats geschrieben hat. Und weil diese Erkenntnis so unverhofft kommt, erwischt sie einen unvorbereitet. Während ihrer Auslandseinsätze lernen Expats, „zu denken und zu handeln wie Locals, manche mehr, manche weniger“, sagt Dean Foster, Gründer der Beratungsfirma DFA Intercultural Global Solutions. Oft seien Expats nach ihrer Rückkehr „geschockt darüber, wie sehr sie sich selbst verändert haben“. Genau dann, wenn sie wieder mit ihrer eigenen Kultur in Berührung kommen.

Surreale Heimat

Mit Blick auf Südafrika ist eines ganz sicher richtig: Ein großer Teil von uns denkt und handelt inzwischen afrikanisch. Die Frage ist, wie dieser Teil von uns in Deutschland zurechtkommen wird. Dort nützt es wenig, dass man selbst das Gefühl hat, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Exotische Erlebnisse, Eindrücke, Geschichten, Geräusche und Gerüche hören sich für die Menschen zuhause an wie Urlaubserlebnisse – selbst innerhalb der Familie. Viele Rückkehrer haben laut Studien den Eindruck, dass ihr neu erworbenes Wissen im Land ihrer Geburt nicht gefragt ist. „Die Wahrnehmung nach der Rückkehr in die Heimat liegt unter einer dichten Nebeldecke, als ob man zum Zuschauer geworden ist. Alles erscheint surreal, obwohl man sich doch eigentlich bestens auskennen müsste“, sagt Dean Foster.

Schaf im Kofferraum

Raus aus der Komfortzone

Natürlich gibt es vieles, worauf wir uns in Deutschland freuen: Familie, Freunde, das Essen, die Sicherheit, Fahrradfahren. Sogar Corona dürfte bis zu unserer Rückkehr endlich auf dem Rückzug sein. Aber die Vorstellung, einmal mehr vor dem Nichts zu stehen, nochmal von vorne anfangen zu müssen, dieser Gedanke plagt uns. Gleichzeitig spüren wir, dass es Zeit ist. Irgendwo haben wir gelesen, dass man alle sieben Jahren etwas Neues machen sollte, um langfristig glücklich zu werden. Und wir wissen ja aus eigener Erfahrung, dass es sich immer auszahlt, aus seiner Komfortzone auszubrechen. Aber: Wir mögen unser Leben in Südafrika, trotz aller Aufs und Abs. Für uns fühlt es sich oft an wie ein Hauptgewinn im Lotto.

Doppelter Sommer

Bleibt also nur eins: Mit Mut in die Zukunft blicken! Einen Vorteil haben wir dabei auf jeden Fall: 2021 wartet ein doppelter Sommer auf uns, zuerst in Südafrika, dann in Deutschland. Wer kann das schon von sich behaupten? Und das Motto steht auch schon fest: Mehr afrikanische Gelassenheit wagen. Egal, wo wir uns befinden.

Text & Fotos: fuexxe

 

 

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