Home > Tagebuch > Eine neue Kultur > Das Ende der Prohibition

    Fast fünf Monate lang war der Verkauf von Alkohol und Zigaretten in Südafrika illegal – mit kurzen Unterbrechungen. Die Zeit der Prohibition erzählt viel über ein Land, in dem Regeln nicht dazu da sind, befolgt zu werden.

    Am Dienstag war es soweit: 146 Tage Prohibition in Südafrika gehörten der Vergangenheit an. Vor den Liquor Stores in Eshowe bildeten sich lange Schlangen, während im Minutentakt glückliche Kunden mit kistenweise Bier, Wein, Wodka und Gin auf den Parkplatz strömten. Manche von ihnen hatten eine Zigarette im Mund und nahmen den ersten legalen Lungenzug nach monatelanger Abstinenz. Auf Facebook, Instagram und Whatsapp kursierten Memes, Photos und Videos glücklicher Menschen mit Weingläsern und Bierflaschen in der Hand. Goodbye, Corona! Willkommen, Freiheit!

    Ananasbier und andere Schlupflöcher

    Nur: So richtig abstinent war in Südafrika eigentlich niemand. In den ersten Wochen des Lockdowns – im März und April – war das noch anders. Man lebte von den Vorräten im Weinregal. Teilte den letzten Sixpack Bier auf. Zelebrierte einen Gin Tonic als Wunder des Alltags. Aber dann wurde die Prohibition verlängert, während gleichzeitig ein Schlupfloch nach dem anderen aufpoppte. Manche Restaurants fingen an, ihr Bier vor dem Verfallsdatum auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Auf Whatsapp kursierten Angebote für überteuerten Whiskey oder Gin. Selbstgebrautes Bier aus Ananas und Hefe hatte Hochkonjunktur. Und der indische Supermarkt am Eck bot plötzlich mosambikanische Zigaretten an, die jeder kaufen konnte, der nicht wie ein Zivilpolizist aussah.

    Sinkende Kriminalität, wachsende Korruption

    Wirkung zeigte die Prohibition laut Regierungsangaben trotzdem. Polizeiminister Bekhi Cele präsentierte kürzlich Statistiken, laut denen die Kriminalitätsrate von April bis Juni um bis zu 40 Prozent gesunken ist – etwa Morde, sexuelle Gewalt, Diebstahl und Brandstiftung. Außerdem sorgte der Rückgang an alkoholbedingten Unfall- und Gewaltopfern für freie Betten in den Krankenhäusern. Bei Zigaretten ist die Lage komplizierter. Als einziges Land weltweit stellte Südafrika den Verkauf der Rauchwaren unter Strafe, während der illegale Handel blühte. Aber dass der Tabakbann als Mittel gegen die Verbreitung von Covid-19 wirkt, behauptete am Ende nur noch die verantwortliche Ministerin, Nkosazana Dlamini-Zuma. Ein Musikvideo, das sich darüber lustig macht, wurde zum nationalen Hit. Gleichzeitig musste sich die Ex-Frau des notorisch korrupten Ex-Präsidenten Jacob Zuma wiederholt gegen den Vorwurf wehren, selbst von dem von ihr forcierten Tabakverbot zu profitieren.

    Partyreste am (gesperrten) Strand in Ballito

    Alkohol an jeder Ecke

    Alkohol war zwischenzeitlich sogar wieder erlaubt. Doch als die Infektionszahlen stiegen, setzte die Regierung im Juli zum zweiten Mal auf ein Verbot. Dieses Mal allerdings war der Schwarzmarkt vorbereitet: Jeder kannte jemanden, der jemanden kannte, der über verschlungene Wege Stoff besorgen konnte. Tatsächlich fühlte man sich in den letzten Wochen wie in einer TV-Serie über die Prohibitionsära in den USA: Hinter dem Vorhang wurde getrunken, was das Zeug hält – und eine Menge Al Capone’s verdienten viel Geld auf dem Schwarzmarkt, während der Staat Steuerverluste in Milliardenhöhe hinnehmen musste.

    Leben nach eigenen Regeln

    Teil der südafrikanischen Mentalität ist es, Regeln nicht so ernst zu nehmen – und lieber seine eigenen zu machen. Das war schon vor Corona so. Insofern war zu erwarten, dass die Menschen Wege finden würden, die Prohibition zu umgehen. Das Ausmaß allerdings war auch für uns unglaublich. Einmal holten wir indisches Essen in einem Restaurant am Strand, der offiziell gesperrt war. Trotzdem saßen die Menschen zu Hunderten dicht gedrängt im warmen Sand. Masken waren nicht zu sehen, der Alkohol floss in Strömen, jeder zweite hatte eine Zigarette in der Hand. Auf dem Heimweg standen wir im Stau an der Mautstation, wo Straßenverkäufer ihre Waren feilbieten. Im Sonderangebot: Schnaps und Zigaretten!

    Corona-Special: Alkohol auf dem Schwarzmarkt

    Text & Photos: fuexxe, SA Tourism, Flickr

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